Bis zur Entwicklung von Aspirin 1898 war Cannabis in Europa das am meisten verkaufte Arzneimittel.

Bis Anfang der 50er-Jahre waren in Europa und den USA über 100 verschiedene Cannabismedikamente erhältlich. Im 20. Jahrhundert begann ein politischer Krieg gegen Cannabis und eine Stigmatisierung, die jetzt zunehmend aufbricht. Zahlreiche Länder haben bereits eine Re-Medizinalisierung der Hanfpflanze eingeleitet und auf den gesteigerten medizinischen Bedarf vieler Patienten reagiert. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: spezifische Wirkungen bei marginalen Nebenwirkungen. Der medizinische Nutzen von Cannabis überwiegt vor allem bei Patienten, bei denen viele andere Medikamente nicht ausreichend wirken.

Wir haben mit Univ.-Prof. Dr. Rainer Schmid über das historische Stigma im Bereich der Cannabisforschung sowie über die bekanntesten Cannabismythen gesprochen. Der Chemiker und Toxikologe leitete die Abteilung Toxikologie und Medikamentenanalytik am AKH Wien und ist weiterhin in der Drogenprävention tätig. Seit 2017 ist Prof. Schmid wissenschaftlicher Leiter der Medical Cannabis Research & Analysis GmbH.

In Deutschland wurde unlängst von der Techniker Krankenkasse ein „Cannabis-Report“ vorgestellt, in dem die unzureichende Studienlage zu Cannabis kritisiert wurde. Wie sehen Sie das?

Der Vorwurf der fehlenden Wirksamkeit wegen fehlender klinischer Studien ist absurd. Durch die rigide Formulierung der UN-Drogenkonventionen und der nationalen Drogengesetze in den meisten Ländern ist Cannabis immer noch stigmatisiert und häufig denselben Einschränkungen unterworfen wie Heroin. Cannabis wurde damit automatisch der medizinische Nutzen abgesprochen. Es war bis auf wenige Ausnahmen bis vor kurzem weltweit gar nicht möglich, Cannabis offiziell und differenziert in einer bestimmten Sortenvielfalt nach wissenschaftlichen Kriterien zu züchten und für Forschung und Medizin zu erhalten. Besonders ärgerlich ist aber, dass der Bericht eine unzureichende Studienlage bei bestimmten medizinischen Indikationen mit mangelnder Wirksamkeit verwechselt. Dem stehen umfangreiche positive Erfahrungsberichte von Ärzten und Patienten gegenüber. Wenn klinische Studien bei einer bestimmten Indikation bisher nicht oder nicht ausreichend durchgeführt wurden, bedeutet das nicht, dass Cannabis dabei unwirksam ist.

Was macht klinische Studien zur Wirksamkeit der Cannabinoide so schwierig?

Es war bis vor etwa einem Jahr in den USA nach nationaler Gesetzeslage verboten, für wissenschaftliche Studien eine andere Cannabissorte einzusetzen als jene, die gerade (zufällig) von einer amerikanischen Südstaaten-Universität bereitgestellt werden durfte. Je nach Sorte kann die Wirkstoffzusammensetzung der Cannabispflanze aber ganz erheblich variieren. Sorten mit hohem Tetrahydrocannabinol-(THC-)Gehalt werden in der Medizin ganz anders eingesetzt als Sorten mit geringem THC- und einem hohen Anteil anderer Cannabinoide wie Cannabidiol (CBD). Man kann die Wirkstoffe einer komplexen Heilpflanze nicht in das einfache Untersuchungsschema von synthetischen Monosubstanzen pressen.

Wie sehen Sie hier die weitere Entwicklung?

Einige Cannabinoide können bereits extrahiert und in gereinigter Form hergestellt werden, das erleichtert wiederum Forschung und Anwendung. Durch klinische Studien belegt ist die Wirkung als Schmerzmittel, Antiepileptikum, Appetitanreger und als onkologisches Präparat zur Krebs-Begleittherapie. Man kann sich vorstellen, wie der heutige Wissensstand in der pharmakologischen Forschung aussehen würde, hätten für Herba Cannabis ähnliche systematische Bedingungen wie für die medizinische Anwendung vergleichbarer Heilpflanzen gegolten. Fest steht, wir brauchen mehr klinische Studien, um die medizinische Indikation der einzelnen Substanzen der Cannabispflanze noch besser zu erforschen. Trotz der erschwerten gesetzlichen Bedingungen werden heute weltweit laufend neue Studien initiiert.

Ein von Laien und selbsternannten Experten oft erhobener Vorwurf lautet: Cannabis löst Psychosen aus.

Fakt ist, dass nur Menschen mit einer bestimmten Prädisposition dazu primär davon betroffen sein können. Wird Cannabis in therapeutischer Dosierung eingenommen, werden keine psychischen und physiologischen Funktionen gestört oder Organe geschädigt.

Gibt es eine Zunahme an Cannabis-assoziierten psychischen Problemen bei Jugendlichen?

Dazu liegen keine so eindeutigen epidemiologischen Daten vor. Soviel ich aus der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychologie des AKH erfahren konnte, wird eine Zunahme bei Cannabis-assoziierten psychischen Problemen bei Jugendlichen in Form von Angststörungen, Panikattacken und psychotischen Ereignissen beobachtet. Das Problem ist aber, dass dazu zu wenige statistische Zahlen vorliegen. Die Zunahme lässt sich aber primär auf eine generell steigende Prävalenz des Cannabiskonsums und auf immer potenteres Cannabis mit hohem THC-Gehalt zurückführen, sprich, dass sehr THC-haltige Cannabissorten im Umlauf sind, die in einer sehr hohen Dosierung ohne Maß und Ziel konsumiert werden.

Gibt es dazu bereits Daten aus Colorado? In dem US-Bundesstaat wurde ja 2012 Cannabis ab 21 Jahren komplett legalisiert.

Die Legalisierung führte in Colorado sogar zu teilweise sinkenden Prävalenzzahlen bei jüngeren Konsumenten.

Mir wurde bisher von Experten nicht bestätigt, dass eine offensichtliche Zunahme an Cannabis-assoziierten Schizophrenien zu beobachten ist. Eine eindeutige Kausalität für eine Entstehung von Schizophrenien durch Cannabiskonsum konnte bisher nicht nachgewiesen werden – auch wenn regelmäßig das Gegenteil behauptet wird. Gäbe es aber eine wissenschaftlich belegte Zunahme, gäbe es auch keinen weltweiten Legalisierungstrend.

Ist die jetzige Cannabis-Drogenpolitik gescheitert?

Eindeutig ja. Aus Sicht zahlreicher Richter, Exekutivbeamter und Suchtmittelexperten international ist das Cannabisverbot gescheitert, der erwünschte Erfolg blieb aus. Im Gegenteil: Etwa 30 Prozent der Österreicher konsumieren in ihrem Leben Cannabis – trotz Verbots. Neugierde ist dabei der wichtigste Faktor. Nehmen wir das Beispiel Holland, dort konsumieren weniger Jugendliche Cannabis als in Deutschland. Schlüsselfaktor ist ein sachlicher Umgang mit der Droge Cannabis. Kanada hat in diesem Jahr Cannabis für Erwachsene komplett legalisiert und sich zugleich auf den Jugendschutz fokussiert. Die Niederlande, Tschechien und Portugal haben mit einer Entkriminalisierung von Drogen gute Erfahrungen gemacht. Aufklärung und ein sachlicher Umgang mit Cannabis bei Schutz von Jugendlichen sind hier Schlüsselfaktoren, während die Illegalisierung eine Tabuisierung bewirkt.

Categories: Forschung

Medical Cannabinoids Research & Analysis

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